Toxyna-Geschichten in ESO

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Toxyna

Toxyna-Geschichten in ESO

Beitrag Do 25. Apr 2019, 13:03

Turdas, 21. Sonnenaufgang 2Ä 587
Die unter dem Namen Madeleine Martinez logierende Frau wälzte sich unruhig im Bett herum. Ihr Zimmer im zweiten Stock des "Schwarzen Wolfes" war eigentlich nur eine einfache Kammer, die ziemlich günstig gewesen war und zu den einfachsten der vermieteten Räumen zählte, auch nicht zuletzt wegen der etwas mühseligen Erreichbarkeit über die steile Stiege vom ersten zum zweiten Stock. Offenbar war die Frau arm oder sparsam oder wollte nicht auffallen. Aber immerhin war ihre Kammer sauber. Schlicht und etwas unbequem, aber reinlich.

Die schlanke Gestalt schlief sichtlich unruhig unter dem dicken Federbett. Die einfache Strohmatratze unter ihr wurde auch schon feucht, es war einfach viel zu warm! Mit einem Mal saß Madeleine senkrecht im Bett und die eben noch sich unruhig unter den geschlossenen Lidern bewegenden Augen waren weit, weit geöffnet und starrten in das friedliche, nächtliche Kämmerchen.

Überraschend federnd erhob sich die Frau aus dem Bett und es zeigte sich ihre Energie, selbst nach einem so unangenehmen nächtlichen Erwachen. Ohne Sorge vor der Kälte auf der Haut oder fremden Blicken zog sich Madeleine das an ihr klebende Nachthemd über den Kopf und hängte es zum Trocknen an einen Bügel und trat nackt wie die Götter sie geschaffen hatten an das kleine Fenster, um knarrend dessen etwas verzogenen Rahmen zu öffnen. Das helle Licht der beinahe noch vollen Monde fiel herein. War gestern nicht sogar Vollmond gewesen? Ein Beobachter irgendwo schräg gegenüber hätte vermutlich eine schlanke, überraschend freizügig am Fenster stehende Frauengestalt wahrgenommen, der er vielleicht ihres Körperbaus wegen für jünger gehalten hätte, als sie war. Von Nahem hätte er wohl hingegen anhand der zu einem zotteligen Knoten aufgesteckten offenbar ziemlich langen und von weitem einfach nur dunkel, von nahe aber durchaus Grau wirkenden Haare und die durch das Schlagschatten werfende Mondlicht tiefer gezeichneten Fältchen um Mund und Augen ihr Alter höher schätzen können, als sie es wirklich war. Wer hätte auch wissen können, das bereits im Alter von neun Jahren ein schwerer Schock ihren ehemals ebenholzschwarzen Haaren diese Farbe gegeben hatte?

Madeleine hatte andere Sorgen und tatsächlich sah sie niemand dort stehen, Kreuzlingen schlief den Schlaf der Gerechten. Alle Fenster waren dunkel und aus den Schornsteinen stieg nur noch ein sehr schmaler Rauch in den Nachthimmel empor. Madeleine rieb sich das Gesicht und hoffte darauf, dass die kühle Nachtluft den Albdruck und die Bilder ihres Traumes vertreiben würde, doch standen ihr diese immer noch hartnäckig und äußerst deutlich vor ihren Augen. Es brodelte förmlich in ihr. Die Bilder von den glitschigen Händen an ihrem Leib ließen ihre eigenen Finger über ihre im Mondlicht beinahe grell weiß schimmernde Haut gleiten. Hier und da zeigten sich mal besser, mal schlechter verheilte Narben, die von einem abenteuerlichen Leben erzählen würden, wenn sie nur könnten. Ja da waren nirgends Reste von Seetang oder Schleim - oder gar ekligen Händen. Allmählich beruhigte sich ihr Herzschlag.

Sie begann in der Kammer auf und ab zu tigern, ihre Schritte zeigten Spannkraft und Biegsamkeit. Eine große Körperbeherrschung offenbarte sich, sie bewegte sich leise und kontrolliert, wohl um diejenigen, die in der Kammer unter ihr schliefen, nicht in den Wahnsinn zu treiben. Madeleine war zwischen 165 und 170 Zentimeter groß, schlank und ihr Leib wies dazu passend eine nur kleine Oberweite und auch kein ausladendes Hinterteil auf. Als stimmig und athletisch könnte man ihre Körperformen bezeichnen, man sah ihr durchaus an, dass sie viel in Bewegung war.

Als die größte Feuchtigkeit von der ehemals heißen und nun auskühlenden Haut verschwunden war, kleidete sie sich langsam an, immer wenn sie am Stapel der achtlos auf den einzigen Stuhl geworfenen Kleidungsstücken vorbeikam, zog sie eines davon an, als wolle sie nicht zu lange an Ort und Stelle verharren. Methodisch atmete sie, konzentrierte sich auf die Luftströme, auf das Ein- und Ausatmen, auf das hier und jetzt. Sie versuchte es sogar mit tief verinnerlichten Entspannungsübungen, halb auf der Fensterbank sitzend, doch die Bilder des Traumes wollten sich einfach nicht vertreiben lassen! So begann Madeleine in Gedanken die Dinge zu nennen, die sie sicher über sich wusste: 'Ich heiße Roxana, ich bin 39 Jahre alt.' Schon in der Regenhand würde sie 40. Ein erschreckender Gedanke, mit dem sie sich noch nicht so recht angefreundet hatte. War sie nicht eben erst 30 geworden? 'Roxana bedeutet "Morgenröte" oder "die Strahlende". Was sich meine Eltern dabei wohl gedacht hatten? Nun, die Morgenröte ist noch nicht zu sehen und eine Strahlende bin ich wohl weniger.'

Roxana machte an der schmalen Wand zwischen Bett und Zimmertür kehrt und hielt wieder aufs Fenster zu. 'Ich habe mich hier Madeleine genannt, Madeleine Martinez, angeblich auf der Suche nach Arbeit.' Wieder machte sie nach einem kurzen Blick aus dem Fenster kehrt. Diesmal schlüpfte sie in die schlichte Stoffhosen, die fast wie eine zweite Haut an ihren schlanken Beinen saß, auch wenn auch nicht so exakt wie die ihr auf den Leib geschneiderte enge Lederhose, die sie sonst trug. Aber hier galt es nicht aufzufallen. Mit einem Kampf war nicht zu rechnen. 'Ich tue einem alten Freund einen Gefallen.' Das Unterhemd wurde übergestreift. 'Ich soll den Machenschaften des Barons Hugismund von Auersbach nachgehen.' Ein Blick hinaus. Alles war ruhig, friedlich. Nirgends brannte ein Licht. Aber gut, ein Licht hatte sie selbst auch nicht entzündet. Roxana machte kehrt. 'Ich bin in Kreuzlingen im Schwarzen Wolf.' Gerade als sie auch das schlichte Hemdchen anziehen wollte, in dem sie gestern unter einem einfachen Pullover hier eingetroffen war, entschied sie sich anders und legte es wieder fort und zog auch die Hose wieder aus. Sie stopfte die Stoffsachen in einen Beutel und holte ihre Lederkluft aus ihrem Rucksack.

Etwas später schlich die in schwarzes Leder gehüllte Roxana leise und behutsam die normalerweise laut knarrenden Treppenstufen hinunter und verließ den schwarzen Wolf. Im Licht der noch vor dem Gasthaus brennenden Laterne zeigte sich, dass ihre Haare die Farbe von Asche, ein dunkles Grau, aufwiesen und sie grün-braune Augen hatte. Ein Stück vor dem Dorf versteckte sie ihre Tarnkleidung in einem dichten Gestrüpp und eilte hurtig die Straße entlang, die sie zu den Ländereien ihres Forschungsziels bringen würde. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, so würde sie wenigstens die wache Zeit sinnvoll nutzen. Nach einer Weile machte sie kehrt und holte sich ihren Beutel wieder. Vielleicht würde sie die Sachen dort brauchen!

Der Weg war lang und da die Bilder ihres Albtraumes nicht weichen wollten, zwang sie ihre Erinnerung in die Vergangenheit. Seit sie aus Orsinium zurück war, seit inzwischen dreizehn Jahren, hatte sie regelmäßig immer mal wieder die Ruinen des Örtchens besucht, in dessen Nähe früher der Hof gestanden hatte, auf welchem sie zur Welt gekommen war. Mondenbruch hatte es früher mal geheißen, heute war es vermutlich auf keiner Karte mehr verzeichnet. Immer hatte sie im ehemaligen Rathaus nach Unterlagen gesucht, die ihr mehr darüber verraten würden, wer sie eigentlich war, wer ihre Eltern gewesen waren. "Mama" und "Papa" waren da wenig hilfreich und ihr gängiger Nachname nur mit Hilfe eines Registers eine Hilfe. Doch die Räume des Rathauses waren schon seit langem völlig verwüstet und mehrere Jahre hatten wohl Landstreicher dort gehaust. Inzwischen waren die Wände so löchrig, dass es nicht mal mehr dafür herhalten konnte.

Doch beim letzten Mal war ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Durchbruch gelungen! Die alten Bodendielen waren wohl inzwischen so morsch geworden, dass selbst ihr geringes Gewicht dazu ausgereicht hatte, unsanft in einen darunter liegenden Keller zu brechen. Sie konnte sich freuen, sich weder an den Splittern der Dielen noch beim Aufkommen auf dem Boden ernsthaft verletzt zu haben. Dort hätte sie niemand so schnell gefunden. Doch dann hatte sie sie gesehen: Unzählige alte Akten, eingelagert in einen vergessenen und später zugemauerten Archivkeller!

Aufgeregt hatte sie nach der ihren gesucht und sie tatsächlich gefunden! Die spätere ausführliche Lektüre war durchaus erhellend gewesen. Ganz offenbar hatten ihre Eltern sie Roxana nennen wollen, Roxana Rousseau, wohl wegen der beiden Rs. Vermutlich war dem Standesbeamten beim Notieren des Namens "Roxana" just beim Schreiben des ersten Buchstabens ihres Vornamens die Tinte ausgegangen, so dass vom R nur der senkrechte Strich und der Anfang des Bogens dastand, was dann zusammen ein T ergeben hatte. Weitere Dokumente führten sie nämlich als "Toxana Rousseau", aber es gab auch einen Antrag auf Umbenennung durch ihren Vater, der seine Tochter "Toxana Rousseau" gerne offiziell in "Roxana Rousseau" umbenannt haben wollte, was offenbar abschlägig beschieden worden war. Roxana stellte sich einen griesgrämigen, dürren Beamten mit Gallenleiden vor, der seine kleine Macht genoss und an den Leuten der Umgebung auslebte, was das Leben ihm vorenthalten hatte.

Nach der Sache mit der Giftschlange, welche sie als Baby im Körbchen in den Fuß gebissen hatte, hatten sich die Eltern offenbar zu ihrem Rufnamen Toxina oder Toxyna - geschrieben hatte sie ihn selbst erst später - entschieden, in dem sie aus Toxana einen Buchstaben des Giftes wegen abgewandelt hatten, welches das junge Leben nicht wie bei normalen Menschen genommen hatte. Sie soll den Erzählungen nach zwar wie am Spieß gebrüllt haben und grün angelaufen sein, aber sie hatte es überlebt. Die mitgenommenen Akten hütete sie zu Hause wie einen Schatz. Doch nun hatte es sie hierher in die Nebelberge verschlagen.

Nachdem der Weg den sie beschritt den Eichenstrom rechts liegen gelassen hatte, sah Roxana von ferne zur rechten Hand eine Weile eine imposante Feste liegen, bevor der Wald diese ihren Blicken entzog. Immer weiter dem Weg nach Westen folgend, schritt sie federnd und ausdauernd auf leisen, ledernen Sohlen dahin. Noch war es dunkel und so würde es hoffentlich auch bleiben, bis sie das Anwesen dieses Barons Hugismund von Auersbach erreicht haben würde.

Toxyna

Re: Toxyna-Geschichten in ESO

Beitrag Do 25. Apr 2019, 13:05

Morndas, 25. Sonnenaufgang 2Ä587
Es war Nacht geworden in der Kluftspitze. Die Abenddämmerung hatte sich eine ganze Weile bitten lassen, doch nun in den Stunden vor dem Aufgang der beiden Monde, wölbte sich ein von unzähligen funkelnden Sternen bedeckter Himmel über die Ortschaft, die sich um das Anwesen des Barons Hugismund von Auersbach gebildet hatte. Jeder konnte, so er es wollte, die Milchstraße in ihrer vollen Pracht auf sich wirken lassen. Mit der klaren Nacht war es allerdings auch kalt geworden und es machte den Eindruck in dem Örtchen, dass die Bewohner sich nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr auf den Gassen sehen zu lassen pflegten, zumindest war das öffentlich Leben seit dem quasi zum Erliegen gekommen.

Vom Meer her wehte ein kalter Wind, welcher den Abend nicht unbedingt heimeliger machte. Auf einem der Dächer der sich an die Ummauerung des Auersbachsschen Anwesens schmiegenden kleinen Verkaufsstände zeichnete sich plötzlich eine dunkle Kontur gegen den kaum helleren Himmel ab, welche sich an der Seite des Gebäudes mit einem beherzten Sprung zur niedrigen Dachkante hinauf geschwungen hatte. Mit einer eleganten Bewegung zog sie sich über die Kante des aus roh behauenen, halbierten Stämmen gefertigten Daches und verschwand im Schatten des schwer einsehbaren Bereiches zwischen Dach und Mauer. Das ganze hatte nur einen Wimpernschlag lang gedauert und vermutlich war es niemandem ins Auge gefallen.

Einige Zeit später zeigte sich die Gestalt noch einmal, nur schwer und höchstens schemenhaft zu sehen, wie sie sich auf ähnliche Weise zur Mauerkrone hinauf schwang. Der Eindringling blieb oben angekommen platt liegen und spähte vermutlich in beide Richtungen die Mauer entlang. Doch entweder war der Baron arm, geizig oder zu selbstsicher. Wachen standen hier keine!

Kurz darauf öffnete sich ein Stockwerk tiefer behutsam von innen die Tür des Ecktürmchens und der Schatten schob sich heraus. Der Kopf bewegte sich hin und her. Offenbar schaute, wer auch immer dort stand, sich nach möglichen Beobachtern um. Zu hören war zunächst nichts, doch gerade als die Gestalt Anstalten machte, sich aus ihrem Versteck zu lösen, wurde mit Getöse das Fallgitter des gut befestigten Tores des Anwesens rasselnd hochgezogen und die großen Torfügel zum Innenhof schwangen auf. Hinaus donnerten sechs Reiter, gefolgt von einer sechsspannigen Kutsche, und vier weiteren Reitern.

Die Gestalt im Schatten zuckte, als würde es sie verlocken, dieser zu folgen, doch wie sollte sie dies zu Fuß vermögen und was sollte sie tun, wenn sie die Kutsche wider aller Wahrscheinlichkeit erreichen würde? So blieb sie in den Schatten geschmiegt, denn der Hof zwischen Mauer und eigentlichem Gutshaus war mehr oder weniger gut beleuchtet. Nachdem der Spuk vorbei war, schloss sich das Torhaus genauso lautstark wieder. Ob die Berittenen, die mitten durch den kleinen Ort gedonnert sein mussten, der Grund dafür waren, dass das öffentliche Leben sich des Abends auffällig synchron ins Innere der Häuser verlagerte?

Als sich eine Weile lang nichts tat, bewegte sich die Gestalt wieder: Ruhigen Schrittes und bemüht kein Geräusch zu machen, aber auch nicht sich künstlich aufhaltend, bewegte sich der Schatten über den am wenigsten erhellten Bereich des Innenhofes und betete, dass die Wachen auf den Mauern, so es in den anderen Abschnitten welche gäbe, brav nach außen hin Ausschau hielten. Sich dicht an der Wand des Anwesens haltend an einer helleren Laterne vorbeikommend, zeigte sich nun, dass die schattige Gestalt ganz und gar menschlicher Herkunft war: Eine schlanke, bewegliche Frau von durchschnittlicher Größe, welche vom Hals bis zu den Zehen in mattschwarzem, wie eine zweite Haut an ihr klebendem Leder steckte. Selbst jetzt, wo sie ebenerdig der Mauer folgte, bewegte sie sich äußerst anmutig, geschmeidig und geschickt, was auf große Körperbeherrschung schließen ließ, die bei ihren vorangegangenen Aktionen ja schon zu bewundern gewesen waren.

Im Licht der trüben Beleuchtung mochte man sie auf Ende Zwanzig schätzen. Zu dem schwarzen Leder an ihrem schlanken Leib passte das ebenfalls schwarze Haar, das zu einem praktischen, wenn auch etwas unordentlichen Knoten von beträchtlichen Ausmaßen auf ihrem Kopf zusammengesteckt war. Die Gesichtshaut hingegen wirkte ausgesprochen hell.

In ihrer ledernen, wie eine zweite Haut an ihr sitzende Rüstung sah die Frau durchaus ansprechend aus, wobei es natürlich auf den Geschmack des Betrachters ankam. Ihr Leib war schlank und wies dazu passend eine nur kleine Oberweite und auch kein ausladendes Hinterteil auf. Beides zeichnete sich allerdings im eng anliegenden Leder gut sichtbar ab. Dieses war aber offenbar weniger dazu gemacht, die weiblichen Attribute anzupreisen, denn vielmehr in seiner mattschwarzen und durch den engen Schnitt quasi kein Geräusch verursachenden Machart gar nicht erst irgendwelche Augen auf sich zu ziehen.

Aber selbst wenn jemand die Frau in ihrer Lederkluft erblicken erblicken sollte, wohlgeformten, kleine und feste Brüste und ein knackiger Po ließen sich anders doch sehr viel besser in Szene setzen. Für längere Betrachtungen war sie aber sowieso viel zu schnell wieder aus dem Lichtkreis der Laterne verschwunden und bog bereits um die Ecke des Gutshauses.

Eine halbe Stunde später ließ sich die geschmeidige Gestalt von einer geprüftermaßen stabilen Regenrinne des herrschaftlichen Daches auf einen kleinen Balkon darunter fallen. Zu hören war beinahe nichts, so geschickt federte sie in den Knien ab und verbarg sich so schnell es ging an der Wand neben dem Fenster. Doch als kein Laut von Innen herausdrang und auch kein Licht angemacht wurde, schob sich ihr Kopf an der untersten Ecke zum Fenster, um hineinzublicken.

Zu ihrem Ärger quietschte die Balkontür ein wenig, aber auch dieser Laut hatte zum Glück keine unangenehmen Folgen. Nachdem die nachlässig gepflegte Balkontüre mit ein paar Tropfen aus einem mitgeführten, gut zugepfropften Gefäß geölt worden war, glitt die schlanke Gestalt ins nachtschwarze Innere des Raumes. In solchen Situationen wäre es wohl von Vorteil gewesen, zu einem der Völker zu gehören, deren Nachtsicht besser ausgeprägt waren als die ihre, aber zum einen musste sie mit dem arbeiten, was sie hatte und zum anderen waren die Bewohner ebenfalls alle menschlich. Zumindest hoffte sie es und hatte auch in den letzten Tagen der unauffälligen Recherche in Bachlingen, wie die Bewohner das offiziell "Auersbachlingen" genannte Örtchen abkürzten, ergeben hatte.

Dort war sie natürlich nicht in ihrer Lederkluft aufgetreten, sondern in ihren schlichten Stoffsachen. Dass auch in Kreuzlingen ihre Kammer weiter bezahlt war, wusste hier ja niemand, während sie im Stall schlief und für spärliche Mahlzeiten Hilfsarbeiten ausübte.

Inzwischen war Roxana ein paar Zimmer weiter gegangen, die hier als große Zimmerflucht mit gewaltigen Flügeltüren ineinander übergingen. Endlich hatte sie gefunden, was sie gesucht hatte: Das Arbeitszimmer des Barons! Sie schloss die Türen, zog die dicken Vorhänge vor und entzündete die Öllampe, die den Schreibtisch erhellte.

Die schwarzen Handschuh hatte sie abgelegt und hinter ihren Gürtel gesteckt und dazu den Brustharnisch am Hals ein wenig geöffnet. Dazu hatte sie offenbar den Haarknoten gelöst, denn ihr reichten die langen Haare auf dem Rücken herab bis auf ihren Po und gaben ihr ein ganz anderes Aussehen denn zuvor: Sie machten ihre Konturen weniger hart und scharf umrissen, machten sie auf weichere Weise weiblich - und weniger gefährlich. Nur für den Fall, dass jemand sie überraschen sollte. Dann konnte jede Sekunde zählen.

Als sie am Schreibtisch saß, auf der vorderen Kante des breiten, Herrschaft demonstrierenden Sessels - offenbar wollte sie nicht lange bleiben - und in Akten und Schubladen blickte, wobei sie von inzwischen zwei entzündeten Öllampen beleuchtet wurde, zeigte sich, dass die anfängliche Einschätzung der Frau ein wenig zu revidieren war: Ihre Haare waren nicht schwarz, sondern dunkelgrau, sie hatten die Farbe von dunkler Asche, ohne dass sich einzelne silberne oder weiße Strähnen zeigen würden. Außerdem wirkte sie älter als bei dem ersten, flüchtigen Blick: Knapp Mitte dreißig mochte sie sein.

Bei dieser genaueren Betrachtung sah man auch, dass sie schon einiges erlebt hatte. Feine Fältchen hatten sich um Mund, Nase und Augen gebildet, es waren aber bislang keine tiefen Furchen in ihrem dennoch eigentlich frisch wirkenden Gesicht eingegraben. Was blieb, war die überraschend helle Hautfarbe der Frau, fast weiß wirkte ihre Gesichtshaut. Ihre Nase zierte ein feiner, schlichter, silberner Ring. In ihrem ebenfalls mattschwarzem Ledergurt steckten zwei unscheinbare und mit genauso mattschwarzen Griffen versehene Dolche in ebenso schwarzen Scheiden. Und wer wusste schon, welche Art von Bewaffnung sie sonst noch am Leib trug?

Eine gute halbe Stunde hatte Roxana recherchieren können, doch ihrem unzufriedenen Gesichtsausdruck nach hatte sie dabei wohl keinen Durchbruch erzielt. Es wäre ja auch viel zu einfach gewesen. Als mit einem mal von ferne Schritte und Stimmen zu hören waren, ordnete sie hastig alles wieder so, wie es gewesen war - da hatte sie sowieso darauf geachtet, immer alles gleich wieder so hinzulegen oder wegzustellen, damit dies nun schnell ging - und löschte das Licht. Sie huschte zum Fenster, öffnete die Vorhänge wieder und verbarg sich hinter einem davon, die Füße zurückziehend, so dass sie nicht verräterisch hervorschauen würden.

Die festen Schritte des hochgewachsenen Barons näherten sich zusammen mit anderen immer mehr und schließlich betrat Hugismund in ein reges Gespräch mit einem kleineren Manne vertieft sein Arbeitszimmer. Er stellte den mitgebrachten Kandelaber ab und entzündete die Öllampen, wobei er kurz stutzte, aber dann nur mit den Schultern zuckte. Roxana atmete leise aus. Offenbar hatte er sich nicht sonderlich darüber gewundert, dass die Lampen noch warm gewesen waren. In den Stunden, in denen Roxana schwitzend und unbequem ausharren musste, bis der Gast und der Hausherr die Karaffe mit dem teuren Whisky geleert hatten und wieder verschwanden, erfuhr sie leider kaum etwas von Interesse. Offenbar war der Freund oder Geschäftspartner, der zu Gast war, keiner mit dem der Baron krumme Geschäfte machte - oder sie besprachen sowas nicht im Herrenhaus. Zu ihrem großen Glück schloss während der ganzen Zeit keiner von beiden die Vorhänge.

Toxyna

Re: Toxyna-Geschichten in ESO

Beitrag Do 25. Apr 2019, 13:07

Tirdas, 5. Erste Saat 2Ä 587
Gleichmäßig glitt der Pinsel mit der weißen Farbe über den Lattenzaun. Roxana hatte die letzte Zeit dafür genutzt, eine Anstellung in Bachlingen, eigentlich Auersbachlingen, zu bekommen und ging inzwischen einem Anstreicher zur Hand. Erkundigungen ließen sich viel leichter und unauffälliger einholen, wenn man dazugehörte. Ihre Gedanken wanderten bei der gleichmäßigen Tätigkeit, dem geschmeidigen, leise schmatzenden Gleiten des breiten Pinsels über das wettergegerbte Holz, zurück zu jenem Abend im Anwesen des Barons Hugismund von Auersbach, als sie Stunden hinter der Gardine hatte ausharren und dem Drang des Staubes wegen zu niesen widerstehen müssen.

Als der Baron und sein Gast endlich das Zimmer verlassen hatten, hatte sie noch ein wenig gewartet, sich dabei gedehnt und die Freiheit genossen, sich bewegen zu können, dann war sie den Rückzug angetreten. Doch schon auf dem nächsten Flur war ihr das Glück nicht hold gewesen, allein ihre Flinkheit hatte sie vor dem Auftauchen der Bediensteten gerettet, die unerfreulich leisen Fußes unterwegs gewesen war.

Erst als die junge Frau mit der weißen Haube und der Kittelschürze sicher fort war, hatte sie sich umgeschaut, wo sie hier gelandet war: Ein überraschend damenhaft eingerichteter Raum mit einem großen Traum von einem Himmelbett und reichlich Schränken und Truhen. Auch ein Schminktisch stand an einer Wand, mit zahllosen Tigeln und Parfümfläschchen darauf. Auch wenn Roxana sich selbst so gut wie nie schminkte, wusste sie doch natürlich, um was es sich dabei handelte. Für einen allein lebenden Junggesellen war dieses Zimmer doch recht ungewöhnlich!

So sah sich Roxana genauer um. Der große Spiegel an der Decke über dem Bett ließ sie stutzen. Er erinnerte sie mehr an ihre Zeit im Haus der roten Sonne, wo sie in einem Fall als junge Frau getarnt als Dirne ermittelt hatte. Eine aufregende Zeit. Sie hatte die vertrauenswerte Matrone des Hauses zu ihrem großen Glück einweihen dürfen und war so darum herum gekommen, der eigentlichen Arbeit als leichtes Mädchen nachgehen zu müssen, aber alles andere, das ganze drumherum, zu erleben, wie Männer dort auftraten, die mal verschworene, mal eifersüchtige Gemeinschaft der Mädchen, das war schon alles recht aufregend gewesen!

Dieser Spiegel war auf jeden Fall verdächtig. Roxana schloss die Tür und durchsuchte sorgsam, akribisch und leise den gesamten Raum, jede Truhe jeden Schrank und jede Schublade. Es schienen verschiedene Frauen hier kurzzeitig gelebt zu haben, oder eine Frau hatte recht große Gewichtsschwankungen mitgemacht und dabei auch noch ihren Geschmack immer mal wieder grundlegend geändert. Das war doch eher unwahrscheinlich. Die Kleider in den Schränken mussten einfach verschiedenen Frauen passen und niemand hatte mal kleine Brüste wie sie selbst und dann wieder regelrechte Melonen.

Sie hatte außerdem zwei Geheimschubladen gefunden und natürlich so geöffnet, dass der Mechanismus heile blieb. Die erste war voller Liebesbriefe, noch schwach nach unterschiedlichem Parfüm duftend und angefüllt mit schmachtenden Worten. Ob die Damen sich wirklich in den Herrn Baron verliebt hatten? Oder waren sie hinter seinem angeblichen Reichtum her? Oder war er etwa ein so ausgezeichneter Liebhaber? Die zweite hatte ihr ein Grinsen entlockt, war sie doch voller "Andenken", hauptsächlich kunstvoll verzierte Höschen, aber auch der eine oder andere Büstenhalter hatte seinen Weg dorthin gefunden. Sehr interessant. Angesichts der Kleider - und Unterwäsche - der Geliebten des Barons konnte sie sich ein gutes Bild davon machen, was ihm gefiel, wobei die Frauen offenbar durchaus recht unterschiedlich gewesen waren. Aber sollte sie diesen Weg gehen, könnte sie wenigstens in der Frage der Bekleidung eine Auswahl treffen, die dem Herrn Baron zusagen würde. Und wenigstens waren sie nicht alle die reinsten Busenwunder gewesen, das wäre schwer nachzumachen.

Nicht ganz so versteckt, aber doch nicht gleich ersichtlich, kamen in einer kleinen Truhe unter dem Bett verschiedene Dinge zum Vorschein, die wohl am ehesten als Spielzeuge für Erwachsene zu bezeichnen waren und bestimmt im Bett das eine oder andere Mal zur Anwendung gekommen waren. Sehr interessant. Nur in der eigentlichen Frage, die zu klären sie hier war, half es nicht. Zumindest nicht direkt.

Plötzlich wurde Roxana von einer Hand aus ihren Gedanken gerissen, die aufdringlich ihr Hinterteil tätschelte, begleitet von den Worten "Hallo junge Deern!". Roxana hasste sowas. Zum Glück hatte sie sich im Griff und der feine Herr im besseren Zwirn, zu dem sie nun vor dem Zaun kniend und dabei das Hinterteil wohl einladend ausstreckend hockend hinaufschaute, bekam weder ihre Missbilligung noch ihren Zorn ab, noch ahnte er etwas davon, dass es ihr ein leichtes gewesen wäre, seine übergriffigen Finger einzeln auf dem Boden zu verstreuen. Statt dessen grinste sie hinauf.

Der Händler sah ein wenig verdattert in das Gesicht der Anstreicherin, welche er ob ihrer schlanken Gestalt für eine Jugendliche - mit einladend ausgestrecktem Hintern - gehalten hatte, doch ihrem Gesicht nach war sie sicher über dreißig statt der erwarteten fünfzehn Jahre. Nun erhob sich die schlanke Frau vor ihm, wand ihm die in einer Latzhose steckende, mit weißen Farbkleksen besprenkelte Vorderseite zu, grinste und meinte "Hallo, ist die Deern nicht ganz so jung wie erwartet?" Das Grinsen brach das Eis und schon bald entspann sich ein lebhaftes Gespräch zwischen dem ungleichen Paar. Selbst mit Ende 30 war Roxana noch die deutlich jüngere.

'Madeleine' erwies sich ihm als gute Gesprächspartnerin, bald schon steckte ihr Pinsel im Farbtopf und sie unterhielten sich angeregt miteinander. Meister Girard hatte die kleine Kohlenhandlung von seinem Vater übernommen und daraus inzwischen so etwas wie eine Spedition am Hafen gemacht. Die offenherzige Bewunderung der Frau mit dem jugendlich schlanken Körper tat ihm gut, sein eigenes Eheweib, mit den Jahren aufgegangen wie ein Kuchen mit zu viel Hefe, bewunderte schon lange nichts mehr an ihm und nahm alles für selbstverständlich hin. Wie sich die kleine vor ihm wohl an anderen Stellen anfühlen würde? Und wie sie sich wohl im Bett so gebärden würde, biegsam wie sie ist? Dabei war Roxana gar nicht so klein, Meister Girard hingegen hochgewachsen, breitschultrig und mit einem beeindruckenden Bierbauch ausgestattet, der seinen Reichtum kundtat. Und natürlich hing Roxana nicht ohne guten Grund so 'bewundernd' an den Lippen des Mannes.

Er war beileibe nicht der erste, mit dem sie ins Gespräch gekommen war. Einiges hatte sie inzwischen gehört und erfahren. Die langjährige Arbeit als Schankmaid hatte ihr in einigen Dingen sehr geholfen. Sie konnte Menschen schnell einschätzen, war schlagfertig und nicht ohne Witz, wusste, wie sie wen zu nehmen hatte und konnte die Leute im Zweifelsfall zum Lachen bringen. So hatte sie auch hier im Ort einiges erfahren.

Aus den Akten, die ihr alter Freund ihr gegeben hatte, war ihr schon einiges über den Baron von Auersbach bekannt, was sich später im Register von Schornhelm bestätigt hatte: Bei dem Geschlecht der von Auersbachs handelte es sich um ein altes bretonisches Adelsgeschlecht, das eher dem Landadel zuzurechnen war. Der letzte gebürtige von Auersbach war Godefried von Auersbach gewesen. Unter der Hand hatte sie gehört, dass er durch Misswirtschaft und seinen ausschweifenden Lebenstil das Familienvermögen verprasst haben soll. Im hohen Alter adoptierte er dann Hugismund von Auersbach, dessen ursprünglicher Name bislang in keiner Akte aufgetaucht war. Godefried verstarb einige Monate nach der Adoption, angeblich in den Armen seiner Geliebten.

Über Hugismund selbst war nur wenig bekannt. Er war sehr wohlhabend, wo auch immer das Geld herkommen mochte, falls Godefried wirklich das Vermögen verprasst haben sollte, oder Hugismund verstand es, diesen Eindruck zu erwecken. Hugismund hielt sich öfter in Schornhelm auf und versuchte Kontakte zum königlichen Hof aufzubauen. Wer weiß, vielleicht hatten diese Kontaktaufnahmen sie auf den Plan gerufen? Gleichzeitig war er in verschiedenen Schänken als großzügiger Gast gut bekannt.

Auch über die Baronie Auersbach hatte Roxana inzwischen einiges erfahren: Sie verfügte über einen geschützt liegenden Hafen, an dem in erster Linie Handelsschiffe anlegen. Eigene Schiffe hatte die Baronie nicht, soweit sie wusste. Außerdem gab es den Ort Bachlingen, der in unmittelbarer Nähe des Hafens auf einem kleinen Höhenzug lag und in welchem sie gerade einen Lattenzaun lackierte. Der Ort verfügte über zwei Gastwirtschaften - beide hatte Roxyna bereits besucht - und einige Handwerksbetriebe. In der Nähe lag ein Sägewerk. Exportiert wurde aus der Baronie vor allem Holz und Holzwaren, zum größten Teil Schnitzereien und Gedrechseltes. Viehzucht und Landwirtschaft wurden nur zur Versorgung der eigenen Bevölkerung betrieben. Das Schloss Auersbach lag etwas abseits und wurde von Hugismund neu hergerichtet.

Mittlerweile begann sich die Lücke zwischen Schloss und Auersbach langsam zu schließen, ein Umstand, der Roxana beim Erklettern der Mauern nützlich gewesen war. Bestimmt war das eigentlich nicht so gedacht gewesen. Außerdem gab es einiges Gemunkel, inoffiziell und unter der Hand, in das sie inzwischen als neue Einwohnerin von Bachlingen mit eingeweiht worden war: Es hieß, dass man an der Küste öfters Schiffe sähe, welche nicht in den Hafen kämen, aber die Küste entlang fahren würden. Ob oder wo sie anlegen, war leider niemandem bekannt. Roxana war in der Seefahrt nicht sehr bewandert, aber war es nicht normal, dass Schiffe an Küsten entlangfuhren? Aber wenn darüber gemunkelt wurde, war vielleicht doch etwas ungewöhnlich daran.

In der Stadt blieb man Abends besser drinnen. Öfter fuhren nach Einbruch der Dunkelheit gut bewachte Kutschen in höllischem Tempo durch den Ort, wohin auch immer. Dabei soll rücksichtslos von der Peitsche Gebrauch gemacht worden sein, so dass man sich letztlich lieber angepasst hatte. Vermutlich war auch ein gutes Stück Aberglaube dabei, so vermutete Roxana jedenfalls. An solchen Geschichten war meist was dran, aber nicht immer das, was die Leute vermuteten. Und vieles war natürlich aufgebauscht.

Von einem Bauern aus dem südwestliche Hinterland, der seine Waren auf den Markt gebracht hatte, hatte sie erfahren, dass man dort gelegentlich das Knarren von Wagen und Getrappel von Pferden hören könne. Ein oder zwei Leute hätten dunkle Gestalten gesehen, es würde sich um die "wilde Jagd" handeln, der man besser aus dem Weg ginge. Ob das die Kutsche war, die sie selbst aus dem Gutshaus hatte fahren sehen? Vielleicht sollte sie sich selbst einmal ins südwestliche Hinterland aufmachen.

Im Anwesen selbst hatte sie noch weiteres erfahren. Sie war öfter zurückgekommen und hatte beobachtet, wenn sie auch noch nicht wieder so tief in des Feindes Spinnennetz eingedrungen war wie zuvor. Die Wachen der Baronie Auersbach bestanden hauptsächlich aus jungen Bauersburschen, kräftig aber eher einfach gestrickt. Vielleicht wollte der Baron keine aufgeweckten Leute aus der eigenen Baronie in dieser Position haben? Aber es konnte natürlich auch Zufall sein. Allerdings hatte sie gehört, dass die leitenden Wachleute alle neu mit dem Herrn Baron zusammen angekommen waren. Die Unteroffizziere wirkten auch wesentlich erfahrener, kampferprobter und aufmerksamer. Der leitende Offizier der Wache war ein kräftiger Kerl. Wenn er mit Hugismund sprach, wirkte er fast gleichberechtigt. Außerdem schien er oft unterwegs zu sein. Wo er sich dann herumtrieb, war ihr bislang nicht bekannt.

So vieles, das es zu erkunden gab. Vermutlich sollte sie zunächst einmal das südwestliche Hinterland in Augenschein nehmen. Zumindest wollte sie alle Möglichkeiten ausschöpfen, bevor sie sich als mögliche Geliebte dem Baron anbiedern würde. In dem Fall könnte sie niemanden einweihen und wohl kaum darum herum kommen, in dem Bett mit dem großen Spiegel an der Decke zu laden. Im Zweifelsfall musste es sein, aber noch gab es andere Wege.

Toxyna

Re: Toxyna-Geschichten in ESO

Beitrag Do 25. Apr 2019, 13:09

Sundas, 17. Erste Saat 2Ä 587

Roxana unterwegs

Nachdem Roxana eine Weile dem Anstreicher geholfen, doch dann hatte es erstmal nicht weiter zu bemalen gegeben. Ihr Meister hatte sie beim Rat um Arbeit auf die Taverne, den Hufschmied und die Poststation Bachlingen verwiesen. Auch wenn sie früher ziemlich lange in einer Taverne gearbeitet hatte, das würde sie hier zu bekannt machen, auch wenn sie dort vermutlich noch mehr hören würde.

Die Poststation hingegen wäre ein Glücksfall, nun, je nachdem, welche Arbeit anfiel. In einem Hinterzimmer die Schreiben und Paketchen zu sortieren wäre weniger hilfreich, aber zu ihrem großen Glück wurden tatsächlich Boten gesucht! Sie hatte zwar bei Regen und Sturm, Hagel und Donner, Nebel und Kälte im Sattel sitzen und die Unbilden des Himmels über sich ergehen lassen müssen, aber dafür kannte sie inzwischen die Baronie recht gut, zumindest das, was von den Straßen und Wege aus zu sehen war - irgend etwas geheimes wäre sicher nicht dort zu finden. Dennoch war es von Vorteil. Dazu hatte sie mit den verschiedensten Leuten reden können.

Ein Pferd hatte man ihr zum Glück gestellt. Roxana hatte keines mehr, seit ihre langjährige Begleiterin "Shari" im letzten Winter gestorben war. Und hier hätte ein Pferd auch nicht zu ihrer Rolle als "arme Arbeitssuchende" gepasst. Es hatte aber wieder gut getan, im Sattel zu sitzen, auch wenn sie sich im schlimmsten Regenguss, der ihr das Wasser unter die gute Lederrüstung rinnen ließ, gewünscht hätte, in einer warmen Taverne auszuschenken. Sie erinnerte sich noch gut an ihre Anfangszeit in dem kleinen Küstenort.

Bestimmt hatte sie aber dafür auch gar nicht die richtige Kleidungsstücke dabei, aber das hätte sich ja beschaffen lassen. Ihr damaliger Arbeitgeber, Helbrek, der bärbeißige ehemalige Seemann und Besitzer der "Tiefwasertaverne" war da eindeutig gewesen: "Mädel, wenn du schon kaum was anzubieten hast, musst'e es wenigstens deutlich zeigen. Warum sollen die Kerls sonst herkommen?" Also hatte sie mit eng anliegender Hose, bauchfreiem unter den Brüsten verknotetem Oberteil und großem Dekolletee ausgeschenkt. Anfangs war es ein Schock für sie gewesen, im Laufe der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt. Sie war bis dahin immer hoch geschlossen bekleidet und als sie dort anfing zu arbeiten auch noch Jungfrau gewesen, ein Umstand, der sich dort bald geändert hätte, schließlich lernte man als Schankmaid tausend Leute kennen. Sie hatten sich sogar verlobt, doch dann hatte er sie mit einer ihrer besten Freundinnen betrogen. Das alles lag zum Glück schon viele Jahre zurück. Inzwischen war sie fest liiert, wenn auch nicht verheiratet, nur hatte sie Talamar schon viel zu lange nicht mehr gesehen.

Roxana war als Botin in der letzte Zeit auch öfter an der Küste entlang geritten. Ein Schiff hatte sie von weitem gesehen, aber nicht einschätzen können, ob das verdächtig war. Sie war auch in diese oder jene Bucht hinab geritten oder geklettert, in der Hoffnung im weichen Sand Spuren von Wagenrädern, Stiefeln, Kisten, Fässern, den Rümpfen von Ruderbooten oder irgendwas zu finden, das einen Hinweis auf Schmuggel oder dergleichen gab, doch entweder war sie immer zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, oder der Baron hatte eine sauberere Weste, als ihr Auftraggeber es vermutete.

Es war wie verhext. Vermutlich musste sie sich doch als Adlige ausgeben. Sie wusste aus ihrem Besuch in Hugismund von Auersbach Anwesen, dass er vermutlich auf hübsche und modebewusste Damen stand, da etliche Bücher in dem Raum zu finden gewesen waren, mochte er wohl auch intelligente Frauen, aber bestimmt keine, die intelligenter waren als er. Für letzteres hatte er keine Anhaltspunkte, aber sie vermutete es.

Außerdem hatte sie gehört, dass Hugismund reich sein soll, richtig reich, und angeblich gute Verbindungen zu anderen Handelsfürsten und nach Abahs Landung hat. Außerdem hatte sie das Gerücht gehört, dass er am liebsten eine Adelige heiraten möchte, die ihm Zugang zum Hof von Emeric verschaffen könnte. Sie könnte natürlich eine solche zu mimen versuchen. Die Auslagen für die nötigen Accessoires ließen sich bestimmt zurückbekommen, wenn sie sie vernünftig begründen und den Schmuck und so weiter hinterher abgeben würde. Allerdings hatte sie keine adlige Erziehung genossen. Also musste es entweder eine sehr gute Geschichte geben, warum sie sich anders verhielt, oder sie musste doch den Weg als Geliebte gehen. Eine Frau zum Hofe würde er sicher nicht gleich ins Bett zerren, eine Geliebte hingegen... nun, sie musste das genau abwägen. Oder aber unverrichteter Dinge nach Wegesruh zurückkommen. Und das gefiel ihr so gar nicht.

Vielleicht könnte ihr Herr Papa ein adliger, aber auch verschrobener Wissenschaftler gewesen sein, der nach dem Tod seiner Gattin seine einzige, junge Tochter quer durch Tamriel mitgenommen hat? Da müsste sie schauen, was sie herausbekam über die entfernten Verwandetn Emerics oder ihm nahestehender Höflinge. Es dürfte nicht leicht zu widerlegen sein, aber plausibel klingen. Ein Plan reifte in ihr heran.

Toxyna

Re: Toxyna-Geschichten in ESO

Beitrag Do 25. Apr 2019, 13:10

Middas, 20. Erste Saat 2Ä 587

Roxana bei der Schneiderin

Der stete Wind vom Meer ließ die Fensterläden klappern. Dolchsturz war grau verhangen und gelegentlich nieselte es gegen die Scheiben. Aus dem Fenster im ersten Stock konnte Roxana nur auf die gegenüberliegende Häuserzeile blicken, die mal trocken, mal nass, und manchmal kurz sogar sonnenbeschienen ihr Antlitz wechselte.

Früher hatte sie in der Kaiserstadt oft von ferne die feinen Damen bewundert, in dem Monat, nachdem man ihr auf dem Markt den Erlös für ihre beiden Ziegen geklaut hatte und die Wächter sie nicht ohne einen zehnten auf den Erlös gehen lassen wollten, aber auch später während der langen Jahre ihrer Ausbildung.

Es war gleichermaßen faszinierend wie auch abstoßend gewesen, welch Aufwand die Damen für ihr Aussehen betrieben. Mit welch Kleidern, welch verschrobenen Frisuren, welch kostspieligem Schmuck und vielem mehr sie sich zeigten! Nun erfuhr Roxana die Schattenseite davon am eigenen Leib: Seit über anderthalb Stunden schon nestelte und werkelte Madame Bertrand inzwischen an ihr herum, und dabei ging es nur um das erste Kleid. Eine gewisse Auswahl würde sie schon brauchen, ebenso passende Unter- und Nachtwäsche sowie diverse andere Kleinigkeiten wie edle Bürsten und Kämme, Parfüme und Schminkutensilien. Allem sollte man den Wohlstand ansehen, und dazu sollte nicht alles völlig neu aussehen.

Sie würde wohl noch so manche Stunde über sich entgehen lassen müssen, hier in Glenumbra, wo sie hoffte, dass keinesfalls irgendwelche Gerüchte über ihre Einkäufe und Auskünfte, ja ihren Unterricht, zu Hugismund von Auersbach gelangen konnten. Roxana hatte ein straffes Programm, bei dem sie das Gold ihres Auftraggebers munter ausgeben musste. So lernte sie sich zu schminken, sich zu frisieren, zu tanzen und sich einigermaßen so zu verhalten, wie es von einer adligen Dame, selbst einer mit ungewöhnlicher Lebensgeschichte, erwartet wurde.

Zum Glück hatte sie von Schornhelm aus in der Magiergilde ein Portal ins ferne Glenumbra bekommen könne, dank der Marke, welche ihr Narbor, ihr Auftraggeber, gegeben hatte, als sie den Fall übernommen hatte. Sonst hätte sie noch viel mehr Zeit mit den Reisen hin und zurück verschwendet.

Während die Schneiderin Nadeln feststeckte, Stoff straffte oder sich beklagte, dass wegen der Narbe neben ihrem Rückgrat der Ausschnitt am Rücken nicht so tief ausfallen konnte, wie sie sich das wünschte, kam sie auch immer wieder auf Roxanas "unmöglichen" Haare zu sprechen. Sie hatte ja Recht, die Spitzen der langen, langen, dunkelgrauen Haare sahen einfach furchtbar aus. Roxana hatte sie nie geschnitten. War sie wirklich noch an das Versprechen, das sie sich als Neunjährige selbst gegeben hatte, gebunden? Sie hatte unbedingt das Haar behalten wollen, über das die Hand ihrer Mutter das letzte Mal gestrichen hatte, und das ging nur, wenn sie es nicht abschnitt. Meist trug sie ihre Haare zu einem dicken Knoten aufgetürmt oder zu einem langen Zopf geflochten. Doch nun musste sie andere Frisuren tragen und selbst ihr Haar kunstvoll aufstecken lernen.

Vermutlich war das Haar, das sie als Neunjährige getragen hatte, in den letzten 30 Jahren ganz von alleine abgenutzt und verschwunden. So gab sie sich schließlich einen Ruck und willigte ein, die Friseurin kommen zu lassen. Madame Bertrand gab einen beglückten laut von sich und rief gleich nach einem der Mädchen, das sie auch auf der Stelle losschickte, obwohl gerade der Regen gegen die Scheiben trommelte, wohl in der Angst, ihre widerspenstige Kundin könne es sich doch noch anders überlegen. Roxana atmete tief durch und betrachtete sich skeptisch in dem hohen Spiegel. Sie erkannte sich kaum wieder und dabei hatte die Verwandlung gerade erst begonnen.

Roxana hatte eine Weile dazwischen geschwankt, ob sie sich Hugismund als mögliche Geliebte präsentieren sollte oder als eine Adlige, die womöglich noch Beziehungen zu Emerics Hof hatte. Letztlich hatte sie sich für letzteres entschieden. Im Notfall konnte auch diese zur Geliebten werden, wenn der Herr denn sonst nichts aus sich herausbekommen lassen würde, aber sie wäre nicht traurig darum, wenn sie um das Bett in dem Zimmer der Geliebten in seinem Anwesen herumkommen würde, so prächtig das dortige Himmelbett auch gewesen sein mochte.

Die Idee zu der adligen Dame mit ungewöhnlicher Lebensgeschichte, die sie geben würde, hatte von den ersten Überlegungen ausgehend inzwischen immer mehr Konturen angenommen. Sie hatte vor, die Geschichte der Genevieve d'Alcaire mit ihrer eigenen zu verweben, mit den Orten, an denen sie selbst gewesen war, zumindest teilweise. Das machte es immer sehr viel lebendiger und farbiger wie auch einfacher, sich nicht in Widersprüche zu verstricken. Die in den ersten Jahren behütet auf dem heimatlichen Anwesen aufwachsende Genevieve war als junges Mädchen Halbwaise geworden, als die Mutter - Marie, geboren La Tour du Pin - im Kindbett starb. Ihr Vater, Alexandre d'Alcaire, ist ein adliger, aber auch verschrobener Wissenschaftler gewesen, der nach dem Tod seiner Gattin seine einzige, junge Tochter quer durch Tamriel mitgenommen hat. So war sie von ihm unterrichtet worden und hatte nicht all die Dinge gelernt, auf die ihre Mutter ansonsten Wert gelegt hätte.

Die d'Alcaire lebten mehrheitlich in Wegesruh und der Umgebung, waren an Emerics Hof vertreten, aber eher unbedeutend, so dass Hugismund von Auersbach mit ihr einen Fuß in die dortige Tür bekäme, aber vermutlich nicht komplett im Bilde über das Adelshaus wäre. Bestimmt würde er Erkundigungen einziehen. Sie hatte ihre Geschichte mit Narbor abgestimmt und die Dolche würden alles daransetzen, Nachfragen vom Baron nach dieser Genevieve positiv ausfallen zu lassen. Im Abfangen von Korrespondenz und anderem waren sie äußerst geschickt. Auch Alexandre und Marie waren ausgedacht, wobei es einen Alexandre d'Alcaire gegeben hatte, welcher aber bereits als Kleinkind gestorben war.

Roxana war ein bisschen überrascht gewesen, dass Narbor diesem doch recht aufwändigen und kostspieligem Plan zugestimmt hatte. Immerhin ließ sich der Schmuck hinterher wieder verkaufen, aber die Kleider und die Ausbildung in Dolchsturz vermutlich weniger. Nun musste sich zeigen, wie gut ihr das Rollenspiel gelingen würde. Falls sie aufflöge, wäre der ganze Aufwand umsonst gewesen.

Roxana hatte in Erfahrung gebracht, dass der Baron seine Sundasabende in der benachbarten Baronie von Wolfenberg, in welcher sie ja auch noch ein Zimmer hatte, allerdings als Madeleine Martinez, in der edlen Schenke des dortigen Freiherren einkehrte. Das schien ihr eine gute Gelegenheit zu sein, unauffällig den Kontakt herzustellen. Ob sie ihm gefallen würde, konnte Roxana nicht abschätzen. Vermutlich wäre es günstig, 20 Jahre jünger zu sein, aber nun, das ließ sich nicht ändern. Immerhin sah sie nicht so aus, als würde sie in nicht mal mehr einem Monat 40. Kurz musterte sie ihr Spiegelbild. Kaum zu fassen, dass sie wirklich schon so alt wurde!

Sie hatte Narbor über die von Wolfenbergs befragt, anfangs hatte sie erwogen, diese einzuweihen und sich dort auszustatten, doch hatte sie von Narbor erfahren, dass dieses Handelshaus recht neutral war und Beziehungen in alle Welt unterhielt. Etwas, das ihr persönlich sehr gefiel, aber für diesen Zweck war ihr die Angelegenheit zu heikel. Sie hatte zwar Gerüchte gehört, dass die Nachbarn von Wolfenberg und von Auersbach sich nicht allzu gut verstünden, aber ob da etwas dran war und ob das reichen würde, einer Fremden zu helfen, hatte sie nicht riskieren wollen.

Toxyna

Re: Toxyna-Geschichten in ESO

Beitrag Do 25. Apr 2019, 13:14

Middas, 10. Regenhand 2Ä 587

Roxana in der Taverne

Dunkle Wolken zogen über den Himmel und machten der Regenhand alle Ehre. Auch wenn es jetzt gerade trocken war, hatte es doch den meisten Teil des Tages geregnet. Mit einem satten Schmatzen landete die schlanke Gestalt im weichen Modder neben der Hütte, welche sich an die stabile Mauer des Anwesens des Zieles ihrer Aktionen - dem Baron Hugismund von Auersbach - schmiegte. Die Gesandte der Dolche war erneut auf dem gleichen Wege in das Anwesen eingedrungen, um ein letztes Mal, bevor sie sich dem Baron als Genevieve d'Alcaire und damit möglichen Zugang zum Hof Emerics vorstellen lassen wollte, Informationen zu sammeln. Inzwischen waren die bestellten Kleider und Schmuckstücke auch schon fertig für ihren Einsatz.

Momentan war die athletische Gestalt so ganz und gar unadelig anzusehen, in dunkles, eng anliegendes Leder gewandet, welches darauf gearbeitet war, keine Geräusche zu machen, auch wenn es dafür an ihr klebte wie eine zweite Haut. Die Haare waren ebenfalls schlicht zu einem aufgetürmten Knoten hochgesteckt, so dass sie ihr nicht im weg waren und womöglich irgendwo hängenblieben oder Dinge in Unordnung brachten. Roxana hatte schließlich dem Drängen der Schneiderin nachgegeben und versprochen, sie schneiden zu lassen. Noch waren sie lang wie immer, denn mit einem aufwendigen Haarschnitt Botendienste zu verrichten, war bestimmt kein sonderlich unauffälliges Vorgehen. Alles zu seiner Zeit!

Eine Weile lauschte Roxana, aber weder in der Gasse noch in den umgebenden armseligen Häusern und Hütten ließ jemand erkennen, das Geräusch wahrgenommen und für ungewöhnlich befunden zu haben. Vielleicht war man auch einfach dermaßen daran gewöhnt, seltsame abendliche Geräusche auf den Straßen von Bachlingen auszublenden, so dass sie auch scheppernd auf einen der Müllkübel hätte springen können, ohne dass sich etwas regen würde. Aber je weniger neugierige Augen sie bemerkten, desto besser.

Es war nicht nur dies eine besonders heruntergekommene Viertel, in der Auersbachschen Baronie schien es fast allen Leuten schlecht zu gehen und entsprechend viele konnten sich keine Farbe für einen neuen Anstrich oder Material für notwendige Reparaturarbeiten leisten. Ausnahmen davon schienen hier im Ort das Gasthaus und die Schmiede zu sein, ebenso wie auf dem Land die Häuser mancher Jäger, welche sich, wie sie gehört hatte, nicht an die Jagdregeln halten sollten und alle das Schloss belieferten.

Leisen Schrittes bewegte sich Roxana durch das Gewirr der kleinen Gassen und Durchschlupfe zwischen sich die Giebel zuneigenden Häusern, bis sie den unverriegelten Gartenschuppen fand, den sie auf dem Hinweg genutzt hatte, um ihre einfache Kleidung gegen ihre Lederkluft zu vertauschen. Im "Schloss" hatte sie keine Beutel und dergleichen gebrauchen können. Kurze Zeit später, als sie sich wieder umgezogen hatte, machte ihr der einfache Umhängebeutel aus Stoff nichts aus.

Roxana betrat das gut erhaltene Gasthaus durch den Hofeingang, wie alle anderen, die zu späterer Stunde noch kamen und gingen. Wenn man schon der allgemeinen Regel trotze, die Straßen Abends zu meiden, so hielt man sich lieber an Gassen und Gässchen und mied große Plätze. Roxana grüßte die Runde, ihre Stimme war etwas rau, denn sie hatte lange nicht gesprochen. Man kannte sie inzwischen und auch dass sie auf dem Weg zu "ihrem" Tisch hinten in der Ecke schon unterwegs das erste Malzbier orderte, war kein Quell von Verwunderung.

Sie hatte eine eklatante Schwäche: Roxana vertrug einfach keinen Alkohol. Sie hatte es wirklich versucht, ihren Körper daran zu gewöhnen, doch hatte es alles nichts gebracht: Schon kleine Mengen machten sie hoffnungslos betrunken. Selbst Malzbier machte sie, in größeren Mengen, beschwipst. Als der Schankwirt ihr den Krug brachte, bestellte sie ihr Abendessen: Spiegeleier auf deftigem Bauernbrot.

Erst als der leere Teller schon wieder abgeräumt worden war und der zweite, frische Krug Malzbier vor ihr stand, machte sie sich daran, behutsam die Beute auszubreiten und zu begutachten. Dieses Mal hatte der Streifzug durch das Schloss mehr zu Tage gefördert denn beim ersten Mal, nur im Zimmer der Geliebten hatte sich nichts getan, offenbar gab es da zur Zeit keine Dame, die sich der Gunst des Barons erfreuen und sich ihm auf dem Himmelbett hingeben konnte. Das war nicht unbedingt schlecht, eventuell war Hugismund dann dermaßen ausgehungert, dass er sich nicht daran stören würde, mit ihr kein blutjunges Ding in die Finger zu bekommen.

Am vergangenen Sundas, als die Sonne noch vom Himmel gelacht hatte, war Roxana Gerüchten nachgegangen, welche von einer verborgenen Bergfeste im Westen der Baronie gesprochen hatten. Auf ihren Wegen als Botin hatte sie dort nichts gesehen, so hatte ihr freier Tag dafür herhalten müssen. Tatsächlich hatte sie schließlich in einem engen und verwinkelten wie auch abgelegenen Tal der Berge die Bergfeste gefunden. Sie hatte sich als streng abgeschottet erwiesen und entlang der Straße und auch am Tor solide bewacht. Um überhaupt einen Blick werfen zu können, hatte sie eine recht gewagte Klettertour unternehmen müssen.

Es schienen - soweit sie es von ihrer Beobachtung sagen konnte, nur handverlesenen Wachen und Leute hinein zu gelangen. Die Feste selbst lag auf einem kleinen Berg am Ende der Schlucht und die Wachen umrundeten sie regelmäßig. Vermutlich hätte Roxana eindringen können, aber es hätte aufwändiger Vorbereitungen und eines recht hohen Risikos bedurft, da anzunehmen war, dass innen die Sicherheit ähnlich wichtig genommen wurde wie außen. Das ganze war schon ziemlich verdächtig, aber leider hatte sie nichts konkretes in der Hand.

Der "Besuch" des Schlosses, von dem sie just zurückgekehrt war, hatte ihr hingegen schon etwas in die Hand gegeben: Sie hatte in Hugismunds Arbeitszimmer einige Papiere und Dokumente gesichtet, die von Interesse waren. Sie hatte alle in Ruhe abgeschrieben - auf eigenes Papier und mit einem eigenen Stift, um alles so hinterlassen zu können, wie sie es vorgefunden hatte.

Darunter war die Abschrift eines Zettels im Papierkorb, den sie hinterher auf ähnliche Weise zerknüllt wieder hineingelegt hatte, mehrere offen herumliegende Auflistungen von Einkäufen erlesenerer Dinge wie Bilder und Kunstwerke und außerdem bruchstückhafte Worte von einem im inzwischen erloschenen Kamin nur halb verbrannten Zettel, der eine fremde, ungelenke Handschrift trug und wohl eine Nachricht an den Baron darstellte, dessen schöne Handschrift Roxana inzwischen gut kannte. Der zerknüllte Zettel aus dem Papierkorb hatte die folgende Aufschrift:
  • Freifrau Eleona von Wolfenberg, Schönheit, lebendig und klug (zu klug?). Dem Ehemann über den Tod hinaus ergeben - blöde Kuh!
  • Aliisa Consenza, hübsche Kurven, quirlig und klug. Komische Beziehung zu der älteren L. Cosenza.
  • Nerin Silivren, hübsch, schüchtern verlobt. Achtung: Vater Angren Silivren, undurchschaubar.
  • Annette de Lothraire, hübsch, erst spröde, gefühlsduselig, alleinstehend, scheinbar vermögend!
  • Adelige aus Schornheim (Vermittlung Freifrau). Ob das was gescheites ist?
Roxana grinste leicht. Offenbar war der Baron durchaus hinter den Weibern her! Die Namen sagten ihr bis auf den der Freifrau nichts, da musste sie nachher noch einmal in die Unterlagen schauen, die Narbor ihr mitgegeben hatte. Alles hatte sie nicht auswendig lernen können. Eine nicht zur Verfügung stehende Freifrau, ein dralles Weibsbild, das in Beziehung mit einer Frau stand, eine offenbar spröde, aber wohlhabende Dame und... letztlich eine Unbekannte, welche die Freifrau Hugismund vorstellen wollte? Das war interessant. Sehr interessant sogar! Könnte vielleicht Genevieve d'Alcaire diese Adlige sein? Roxana wiegte den Kopf und blickte auf den anderen Zettel, die Abschrift desjenigen aus dem Kamin. Er zeigte große Lücken, aber den Rest hatte sie gewissenhaft übertragen:
...... on,

Flussm..... .... teilweise geräumt. Ladung geborgen, .... Dem V..kauf ... nichts im Wege.

Geborgen wurden en Silber... Barren .... ... eine. Hat .... gelohnt.
Roxana runzelte die Stirn, nippte an ihrem Malzbier und strich über die Abschrift, obwohl der vor ihr liegende Zettel glatt, unverbrannt und nicht zerknittert war. Das "on," am Ende der ersten Zeile war vermutlich die Anrede, "Geehrter Baron," oder dergleichen.

"Flussm" könnte "Flussmündung" heißen. Da musste sie wohl am nächsten Wochenende nochmal zur Küste reisen. Allerdings wenn diese nun geräumt war, ob sich nach dem Regen noch Spuren finden lassen würden? Fraglich. Wobei - da stand "teilweise geräumt". Es wäre vielleicht den Versuch wert. "Ladung geborgen" ließ tatsächlich an eine Schiffsladung denken, aber das war vielleicht zu voreilig gedacht. Offenbar steht dem Verkauf nichts im Weg. Ob vorher etwas oder jemand im Wege gestanden hatte? Und es wurde etwas geborgen. "Geborgen" klang seltsam. Könnte es sich um zufällig oder gar mit falschen Leuchtfeuern herbeigeführten Schiffbruch handeln? Es wirkte etwas herbeigeholt, aber was sonst birgt man an einer Flussmündung? Aber vielleicht bezog sich der Satz gar nicht mehr auf jene Flussmündung, wer konnte das schon sagen? Am Ende stand sicher "Hat sich gelohnt". Schade, dass keine Unterschrift dabei war, vielleicht war sie aber auch ein Opfer der Flammen geworden.

Gemächlich sank der Pegel in ihrem Krug. Ob sie Hugismund eine den Abenteuerjahren ihrer Kindheit und Jugend nachtrauernde Dame vorspielen könnte, welche dermaßen nach jedem bisschen Aufregung lechzt und sich vielleicht gar romantisierend nach "edlen Schuften" sehnt, so dass er sie - ein Stück weit - in seine angenommenen Machenschaften einweihen würde, wenn er genug Bewunderung - und vielleicht sogar gewisse Freizügigkeiten - dafür ernten würde? Genevieve d'Alcaire könnte geradezu auf die verlassene Bergfeste brennen und vielleicht sogar erotische Wünsche bezüglich bestimmter aufregender Orte entwickelt haben? Dabei war sich Roxana noch gar nicht im klaren, ob Erotik überhaupt etwas wäre, zu dem es kommen sollte zwischen Baron und angeblicher reicher Erbin mit Zugang zum Hofe. Soweit es sich vermeiden ließ natürlich nicht, aber wenn sie die Dinge forcieren musste...

Natürlich würde sie mit der Bergfeste nicht sofort herausrücken! Aber nach einer Weile könnte sie durchaus Gerüchte über jene gehört haben, das hatte Roxana ja selbst auch. Vielleicht könnte Genevieve halb lustvoll schaudernd, halb animiert neugierig einen Raubritter dort vermuten und in Hugismund dringen, ob solcherlei Leute auf seinem Grund hausen würden. Wenn sie überzeugend genug wäre, könnte der Baron sich vielleicht aus der Deckung locken lassen.

Es blieb die Frage, wie sich Genevieve d'Alcaire und der Baron Hugismund von Auersbach begegnen sollten. Sie hatte ja schon vor einer Weile in Erfahrung gebracht, dass der Baron seine Sundasabende gern in der benachbarten Baronie von Wolfenberg, wo vielleicht all die Menschen auf seinen Notizen lebten, in der edlen Schenke des dortigen Freiherren einkehrte. Das schien ihr nach wie vor eine gute Gelegenheit zu sein, unauffällig den Kontakt herzustellen. Aber vielleicht ginge es noch besser, nun da sie wusste, dass die Freifrau einen Kontakt zu einer Adligen aus Schornheim herstellen wollte?

Roxana hatte inzwischen sowohl in Bachlingen als auch in Kreuzlingen Gerüchte über Spannungen und die unterschiedlichen Anschauungen wie Herangehensweisen zwischen den beiden benachbarten Baronien vernommen. War das Basis genug? Sollte sie die Freifrau Eleona und ihren Gatten Linnard von Wolfenberg einweihen - oder sollte sie sich auch ihnen einfach als Genevieve d'Alcaire vorstellen? Würde ein unabhängiger Baron überhaupt eine solche Täuschung seines Nachbarn zulassen? Könnte man den Herrschaften dann sogar Betrug vorwerfen, wenn sie gewusst hätten, dass sie ihrem Nachbarn keine echte Adlige andrehen würden?

Die andere Frage war, wollte Roxana gleich in zwei Baronien Persona non grata werden? Es sich mit einem vermutlich krummen Geschäften nachgehenden und seine Leute ausquetschenden Baron zu verscherzen war das eine, mit einer freien Handel betreibenden, Bildung und Wohlstand fördernden Regentschaft der Baronie Nebelwald sah das ganz anders aus. Die Baronie gefiel ihr zu gut.

Nur eines war klar, wenn sie die Karten bezüglich der Nachforschungen und der geplanten Täuschung dem Freiherrenpaare von Wolfenberg darlegen würde, so lag alles in deren Hand. Allerdings stand zu hoffen, dass diese als Vasallen vom König in Schornhelm wie auch von Großkönig Emeric bei allem offenen Handel immer noch ihrem Herrscher verbunden waren. Nun war nur die Frage, ob Roxana darauf setzen und hoffen wollte, dass sie glaubhaft genug darlegen konnte, im Auftrag der Dolche hier zu sein. Sie war kein Dolch, nicht mehr, und auch selbst wenn, hätte sie natürlich keine Dienstmarke oder etwas derartiges bei sich gehabt. Das war etwas, das sie ganz bewusst abgelegt hatte, soweit sich so etwas überhaupt ablegen ließ. Man trat nicht offiziell den Dolchen bei oder aus. Es war wohl eher so, dass sie seit langen Jahren einfach keine aktiven Dienste mehr verrichtete. Also war sie im Grunde ein Dolch Emerics. Oder nicht?

Sie musste über diese Fragen schlafen. Doch heute war schon die zehnte Regenhand. Es war einfach zum aus der Haut fahren! Der 13. der Tag ihres vierzigsten Geburtstags, der wie eine graue Wand immer näher kam, war kaum mehr zu leugnen. Schon am kommenden Loredas würde es so weit sein. Und es gab nicht mal jemanden, der ihr gratulieren oder mit ihr feiern würde. Falls sie mit Talamar noch verbunden war, was sie sehr hoffte, so war dies doch seit längerem eine eher theoretische Angelegenheit, da sie sich ganz praktisch sehr lange nicht mehr gesehen hatten.

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