John Snow (1813-1858), ein Sherlock Holmes der Medizin

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Kadosma akwbi
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John Snow (1813-1858), ein Sherlock Holmes der Medizin

Beitrag So 21. Dez 2008, 02:16

Hiermit will ich nicht unbedingt darauf hinaus, dass John Snow in unserem Spiel vorkommen sollte. Könnte er vielleicht - aber das ist eine andere Sache. Seine Geschichte beleuchtet vor allem einige Hintergründe seiner Zeit, viel besser, als trockene Daten das könnten.

John Snow kam aus einer einfachen kinderreichen Familie, sein Vater war Bergarbeiter, der es später zu einem Stück Land und etwas Vermögen brachte. Snows Begabung wurde früh erkannt, und er lernte und studierte Medizin und Pharmazie.

Snow war idealistisch und engagiert. Er etablierte sich in der Ärzteschaft durch die Entwicklung der Äther-Narkose und spezialisierte sich später auch auf das Chloroform-Verfahren. Dadurch brachte er es zu so hohem Ansehen, dass er die Anästhesie bei der Geburt der beiden letzten Kinder von Königin Viktoria durchführte.

Seinen Nachruhm erwarb sich Dr. Snow aber besonders durch seine Forschungen auf dem Gebiet der Epidemologie, im Zusammenhang mit der Cholera.

Während der Londoner Epidemie in den 50er Jahren hatte er durch eigene Untersuchungen und statistische Erhebungen herausgefunden, dass ein Zusammenhang zwischen der Übertragung der Krankheit und der Wasserversorgung bestand. Die gängige Theorie war, dass die Infektion über Miasmen, schlechte Gerüche, zustandekam. Snow, der daran nicht glaubte, begab sich vor Ort und wurde fündig. Die südlichen Bezirke wurden von zwei Wassergesellschaften versorgt: der Southwark & Vauxhall, deren Wasser aus der durch Abwässer völlig verschmutzten Themse kam, und der Lambeth, die sauberes Wasser lieferte. Snow stellte fest, dass das Verhältnis von Todesfällen : Haushalten bei Häusern, die von der S&V versorgt wurden, bei 71 : 10000 lag, dagegen bei solchen, die von der Lambeth versorgt wurden, nur bei 5 : 10000.

Das Abwassersystem war in der Tat eine Katastrophe. De dichtgedrängten armen Haushalte der Innenstadt leiteten ihre Abwässer auf eigene Faust in die Kanalisation, oft auf Wegen, die nicht sauber von der Trinkwasserversorgung getrennt waren. Auch die Windeln der Säuglinge wurden einfach dort hinein entleert, und Rückstaus aufgrund von Überlastung der Leitungen waren keine Seltenheit.

Dr. Snow wusste nun also, dass er seinen Blick auf die Wasserleitungen richten musste, jedoch nicht, an welchem Punkt er ansetzen musste. So kartographierte er die Orte der Todesfälle - eine bahnbrechende Neuerung in der Epidemologie - und befragte die Anwohner nach allem, was Hinweise auf den Ursprung der Verseuchung geben könnte. Reverend Henry Whitehead, ein örtlicher Hilfspfarrer, der ursprünglich an die Miasma-Theorie geglaubt hatte, doch von Snow überzeugt worden war, half ihm dabei. Schließlich kamen die beiden dem Seuchenherd auf die Spur: einem kontaminierten Brunnen mitten in Soho. Snows Karte und die Nachforschungen sprachen eine eindeutige Sprache: Opfer waren genau diejenigen Bewohner, die ihr Wasser aus diesem Brunnen holten, und Schulkinder aus anderen Straßen, die tagsüber dort getrunken hatten. Dennoch wurde Dr. Snow von den maßgeblichen Medizinern nicht ernstgenommen. So griff er zur Selbsthilfe und überredete die Amtsherren von Soho, den Schwengel der Wasserpumpe des Brunnens zu entfernen, worauf die Epidemie schlagartig zurückging.

Ob dies tatsächlich die Epidemie beendete oder ob sie durch die Flucht der Anwohner auch so zum Erliegen gekommen wäre - sie war bereits im Rückgang -, ist nicht nachweisbar. Snow selber zog diese Möglichkeit in Betracht.

Es war dennoch klar, dass er recht gehabt hatte. Aber die Vorstellung von Fäkalien, die auch noch in den Mund gerieten, war nicht gesellschaftsfähig. So schwieg man trotz seinem hohen Ansehen Dr. Snows Entdeckung tot. Er wurde erst nach seinem Tod rehabilitert.

Eine weitere kleine Episode, die sowohl seine Integrität als Arzt als auch seinen Gerechtigkeitssinn zeigt:

Snow widersetzte sich einer politisch ambitionierten Gesetzesvorlage im Parlament, die Chloroformisierung im Zusammenhang mit Raub und Diebstahl unter besondere Strafe stellen sollte. Er befürchtete, dass auf diese Weise bei jedem Verbrechen, bei dem das Opfer unter dem Einfluss von Drogen stand, Chloroform verantwortlich gemacht werden könnte - eine willkommene Ausrede für Leute, die sich selbst in diesen Zustand gebracht hätten. Denn wer würde das schon gern zugeben? So würden teils Unschuldige verurteilt, teils Schuldige einer zusätzlichen Straftat schuldig gesprochen werden, die sie nicht begangen hätten.

Seine Bescheidenheit und sein tiefes Verantwortungsbewusstsein zeigt ein kleiner Abschnitt aus der Biographie seines Freundes und Kollegen Sir Benjamin W. Richardson:

"He thought severely of the reviewer's art, and would never of late review any book critically. If a book were good, it carried the review of its own merits. If it were bad, it were better left untouched. He, at all events, with so much original work before him, could not stop to criticize his compeers or their transactions. Let the dead bury their dead; he must march with the living while life gave power."

"Er betrachtete die Kunst der Rezension mit strengen Augen und schrieb in den letzten Jahren niemals eine negative Beurteilung. Wenn ein Buch gut sei, so trüge es sein Urteil durch seine eigenen Verdienste in sich. Wenn es schlecht sei, ließe man es am besten in Frieden ruhen. Er für seinen Teil, der so viel eigene, schöpferische Arbeit vor sich habe, habe keine Zeit, sich mit Kritik an seinen Kollegen oder ihren Geschäften aufzuhalten. Die Toten sollten ihre Toten begraben - er selbst müsse mit den Lebenden gehen, solange das Leben ihm die Kraft dazu gebe."
(ÜS von mir, vielleicht nicht perfekt - aber ich übersetze lieber nach dem Sinn als nach dem genauen Wortlaut ;))

Ich muss sagen, dass mich Dr. Snow sehr beeindruckt hat.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 1106110118
Portrait von John Snow

http://de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 1106111039
Die "cholera map" von Soho, auf der die Konzentration der Todesfälle um den Brunnen in der Broad Street (heute Broadwick Street) herum zu sehen ist

http://www.amazon.com/Ghost-Map-Steven- ... 1594489254
The Ghost Map, ein Roman von Steven Johnson über Snows Kampf gegen die Cholera

http://www.ph.ucla.edu/epi/snow.html
Weitere Informationen über Snows Leben und Entdeckungen
Abenteuer. Hah. Große Erlebnisse. Pah. Nach solchen Dingen verlangt es einen Hobbit nicht.

Toxyna

Re: John Snow (1813-1858), ein Sherlock Holmes der Medizin

Beitrag So 21. Dez 2008, 09:21

Wirklich beeindruckend. Heute ist es so selbstverständlich, sowas auf einer Karte einzutragen, aber zuerst darauf zu kommen ist schon etwas bemerkenswertes.

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